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Geschichte

Franz Oberthür und der Polytechnische Zentralverein
(Peter Thiel)

Die Stadt Würzburg verfügt über zahlreiche berufliche Schulen. Begründet ist diese Vielfalt u.a. durch eine lange Tradition der beruflichen Bildung, die vor ziemlich genau 200 Jahren ihren Anfang nahm. Am 30. August 1806 unterzeichnete der damalige Landesvater des Fürstentums Würzburg, Erzherzog Ferdinand von Toskana, ein Dokument, welches die „Gründung einer Gesellschaft zur Vervollkommnung der mechanischen Künste und Handwerke“ bestätigte. Engagiert in dieser Vereinigung waren Vertreter aller möglicher damals bestehender Berufszweige. Die „Gesellschaft“ bestand dann mehr als hundert Jahre lang. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts trug sie den Namen „Polytechnischer Zentralverein“.

In Würzburg eine feste Größe
Hauptinitiator der Gründung im Jahre 1806 war Franz Oberthür, damals Domkapitular in der Bischofsstadt. Sein Name ist den Würburgern heute durchaus noch geläufig. Zum einen widmete ihm die Stadt eine Straße im Zentrum, zum anderen ist Franz Oberthür Namenspatron einer großen beruflichen Schule, die in den späten fünfziger Jahren erbaut wurde. Mit dem Namenspatronat wollte die Stadt seinerzeit die Verdienste Oberthürs um die berufliche Bildung würdigen. Bei der Grundsteinlegung der Schule bekräftigte Würzburgs OB Dr. Helmuth Zimmerer Oberthürs Vision mit den Worten: „Möge das Werk gedeihen, möge der Bau eine Bildungsstätte werden für unsere heranwachsende handwerkliche Jugend, möge die Schule Nutzen und Segen verleihen über unsere Stadt und unser Land.“

Eine enge Beziehung zum VLB
Die Franz-Oberthür-Schule ist im übrigen auch in Verbandskreisen bestens bekannt. In dem großzügig gestalteten Gebäude fanden immer wieder Verbandsveranstaltungen statt, u.a. zwei Berufsschultage des früheren VBB sowie der VLB-Berufsbildungskongress im Jahre 1998. Außerdem war VLB-Ehrenvorsitzender Hermann Sauerwein 16 Jahre lang Leiter dieser Mammutschule, an der heute fast alle Bildungsgänge absolviert werden können, welche zum beruflichen Schulwesen gehören. Unvermeidlich also die langjährige enge Beziehung zwischen dem VLB und der Schule.

„Eine Idee schlägt Wurzeln“
Das Jahr 1806 stellt somit den Beginn einer geregelten beruflichen Bildung in Würzburg und in der Region Mainfranken dar. Aus diesem Anlass erscheint demnächst unter dem Titel: „Eine Idee schlägt Wurzeln“ eine Text- und Bilddokumentation, welche Fachleute des beruflichen Schulwesens geschrieben haben.

Bildung als eine Art Grundrecht
Franz Oberthür wollte junge Handwerker bilden und fördern. Dies diene nicht nur dem Einzelnen, sondern dem Wohle aller, sagte er. Es stärke die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Region und mehre somit den Wohlstand. In diesem Sinne heißt es in seinem „Erziehungssystem“ u.a.: „… Jeder Bürger hat das Recht, vom Staat zu fordern, dass er ihm die Gelegenheit verschaffe, seine Talente so auszubilden, daß er dadurch seinem Vaterlande nützlichere Dienste leisten und dadurch sich selbst in eine glücklichere Lage daheim und im Ausland versetzen könne, wenn sie ihm dort nicht zu Theil werden sollte…“. Bildung als eine Art Grundrecht, eine weitblickende Vorstellung also, die auch heute jeder Bildungspolitiker unterschreiben würde.

Die Sonn- und Feiertagsschule
Bei Oberthürs Überlegungen spielten dem – Zeitalter der Aufklärung gemäß – die Naturwissenschaften eine zentrale Rolle. Anfangs fand der von ihm initiierte Unterricht in Form der Sonn- und Feiertagsschule statt. Dieser stellte freilich hohe Anforderungen an die jungen Handwerker, für die eine tariflich geregelte Arbeitszeit ja noch Zukunfstmusik war und die auch in ihren Betrieben an dem Samstagen bis weit in die Nachmittage hinein ran mussten. Oberthür war über diese Lösung natürlich auch nicht glücklich.

Biografisches
Franz Oberthür kam 1746 zur Welt und stammte wie – seine Biografen feststellen – aus „kleinen Verhältnissen“, was immer man darunter verstehen mag. Sein Vater war Gärtner. Der lerneifrige Junge besuchte die Lateinschule, später dann das Priesterseminar und wurde Geistlicher. Mit 28 Jahren war er bereits Professor für Glaubenslehre an der Würzburger Universität. Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer erfüllte er vielerlei priesterliche und soziale Aufgaben.

Engagement für Mädchenbildung
Er wirkte u.a. mit in der Armenkommission, setzte sich ein für die Trennung von Zucht- und Armenhaus und engagierte sich in gewisser Weise sogar politisch, indem er die Abschaffung der Todesstrafe forderte. Schließlich war er auch – als eine Art Schulrat – für die „unteren“ Schulen der Stadt zuständig. Bemerkenswert aus der Sicht der damaligen Verhältnisse ist sein Eintreten für die Mädchenbildung und für den Unterrichtseinsatz weiblicher Lehrkräfte an den Schulen der Stadt. Ab 1805 war er Dekan der theologischen Fakultät und in dieser Eigenschaft setzte er sich nun mit ganzer Kraft für die Verwirklichung seiner bildungsreformerischen Ideen ein. Am 30. August 1831 starb er in Würzburg.

Förderung von Rhön, Spessart und Kahlgrund
Wie gesagt, Ihrem Polytechnischen Zentralverein verdanken Stadt und Region die Gründung zahlreicher beruflicher Bildungseinrichtungen, die aufgrund ihrer Vielfalt hier im Einzelnen nicht dargestellt werden können. Jedenfalls war es das Bestreben des Vereins, Lehrlinge aus unterschiedlichsten Branchen des Berufslebens zu fördern, wobei die Palette des Bildungsangebots weit über das rein Beruflich-Pragmatische hinausging. Der ganze Mensch sollte angesprochen werden, meinte Oberthür und dem versuchte der Verein nach dem Ableben des Gründers weiterhin zu entsprechen. Sein Engagement während des ganzen Jahrhunderts galt besonders den strukturschwachen Gebieten Mainfrankens, u.a. dem Spessart, dem Kahlgrund bei Aschaffenburg und der Rhön. Demgemäß änderte der Verein im Jahre 1851 seinen Namen und nannte sich fortan „Polytechnischer Zentralverein für Unterfranken und Aschaffenburg“. In der Rhön beispielsweise entstand – um ein konkretes Beispiel zu nennen – 1852 auf Initiative des Vereins die Berufsfachschule für Holzschnitzer, die heute noch in Bischofsheim ansässig und nach wie vor ein Markenzeichen der Rhöngemeinde ist. Mit diesem Plakat feierte der Polytechnische Zentralverein 1856 sein 50-jähriges Bestehen.

Das Ende des Vereins
1910 übergab der Verein die Trägerschaft seiner Würzburger Bildungseinrichtungen nicht zuletzt aus finanziellen Gründen der Stadt. Diese war nun für den Sachaufwand und die Personalkosten zuständig. Mit der Angliederung an die Bayerische Landesgewerbeanstalt endete die für die Region Unterfranken so segensreiche Tätigkeit des Polytechnischen Zentralvereins, der einst unter dem klangvollen Titel „Gesellschaft zur Vervollkommnung der mechanischen Künste und Handwerke“ seine Mission begonnen hatte.   Urkunde für die Mitgliedschaft in der „Gesellschaft zur Vervollkommnung der Künste und Gewerbe“ (später Polytechnischer Zentralverein). Der Würzburger Kerschensteiner? Franz Oberthür genießt in der Bischofsstadt – wie gesagt – hohes Ansehen und wird hier gelegentlich auch als der Kerschensteiner Würzburgs bezeichnet. Der Vergleich hält allerdings nur einer eher oberflächlichen Betrachtungsweise stand. Gemeinsam ist beiden – Oberthür und Kerschensteiner – die Überzeugung von der bildenden Kraft der beruflichen Arbeit. Gemeinsam ist den beiden auch die Vorstellung von ganzheitlicher Bildung. Die beiden Protagonisten jedoch sind Kinder ihrer jeweiligen Zeit und die Sichtweise der beruflichen Bildung gegenüber ist um 1800 zwangsläufig eine sehr viel andere als hundert Jahre später, nachdem die Industrialisierung bereits tiefgreifende Spuren hinterlassen hat. Ob Franz Oberthür in die Kategorie der Reformpädagogen eingereiht werden kann, sei dahingestellt. Schließlich hat er weniger reformiert als geschaffen. Jedenfalls schlugen seine Ideen – sowohl in der Stadt als auch in der Region – tiefe Wurzeln. Nicht zuletzt dadurch entstand der Ruf Würzburgs als Schulstadt. Dieser allerdings droht angesichts leerer Kassen langsam mehr und mehr zu verblassen.